: Comic-Salon Erlangen 2002
Der 10. Comic-Salon in Erlangen
markiert die Verschiebung der Koordinaten im hiesigen Unterholz
der Bildgeschichten. Der Wildwuchs aus dem Fanzine-Ghetto hat sich
inzwischen selbst etabliert und dominiert inzwischen mit eigenen
Ständen das Bild der Veranstaltung. Lange Zeit galt der "Underground"
als eine Art von Amateurliga, die ihr eigenes Spiel machte. Einzelne
KünstlerInnen wie Fil, Reinhard Kleist, Kat Menschik oder Markus
Huber konnten sich immer wieder in einer Art Zwischenwelt etablieren,
die als Independent-Unterboden für das fungierte, was dann
immer wieder als "Deutsche Szene" oder sowas bezeichnet wurde. Der
Mainstream blieb dabei immer schwammig und genügsam. Den einen
oder anderen Künstler konnte man immer noch mit Preisen behängen
oder an die Presse verfüttern um dem offiziellen Rahmen zu
genügen. Im Prinzip war das Interesse an Comics als eigenständige
Kunstform mit einem Maximum an Ausdrucksmöglichkeiten aber
immer sehr gering. Statt dessen war man immer eher an der Formelhaftigkeit jener Genres interessiert, die das Bild des Comics von jeher prägen.
Erlangen bot immer einen scharfen
Kontrast zwischen Verlagen und Spielzeughändlern. Das Gros
der meist männlichen Besucher war daran interessiert, die Sammlung
voll zu kriegen, die eine oder andere Action Figur billiger zu bekommen
und sich das aktuelle Sonder-Sammelcover vom aktuellen Star-Zeichner
signieren zu lassen. Zwischen all diesen Ständen mit Sonderangeboten
und Bergen von alten Sammlerstücken der Popkultur wirkten die
Stände der Kleinverlage wie Angehörige einer Subkultur,
die besser bei einer Vernissage mit Dosenbier und DJ aufgehoben
wären. Die Kleinverlage wurden auch als solche betrachtet:
kleine Wichte, die krakelige Quatsch an Leute verkauften, die mit
"richtigen Comics" nichts anfangen konnten. "Richtige Comics" kamen
von Großverlagen und handelten von bunten Plastik-Hooligans
aus Japan und Amerika oder sie entsprangen dem französisch-belgischen
Kunsthandwerk. Die großen Verlage vermittelten Authentizität
im Rahmen einer Fan-Kultur, die seit Jahrzehnten ausschließlich
an den selben Basisprodukten interessiert ist. Wenn Don Rosa Donald
Duck oder der aktuelle Superhelden-Chronist den Leuten einen Batman
in ihr Album zeichnet, dann umweht den Fan das Gefühl, ganz
dicht am Mythos dran zu sein. So funktionierte es all die Jahre
und jedes mal rief irgendwer (meistens der Kollege Dahlmann!;-P)
die "Krise des Independent-Comics" aus. Man schimpfte auf die bösen
Großverlage und die Tatsache, daß man nicht ernst genommen
wurde, sich womöglich lächerlich machte und nachts soff
man sich im "Schwarzen Ritter" den letzten Frust weg. Bestenfalls
gab es in Erlangen's härtester und beliebtester Durchmach-Kneipe,
auch noch eine Schlägerei.
Wer nicht für Carlsen
arbeitete oder am Hofe des Königs von Ehapa residierte, mußte
sich sowieso im Underground-Ghetto einfinden. Heerscharen von hoffnungsvollen
Künstlern, die ihre Mappen bei Carlsen, Dino oder Ehapa präsentierten,
mußten die bittere Erfahrung machen, daß deren Comics
vom Lizenshandel bestimmt werden und allenfalls der Hamburger Branchenriese
offen für Neues ist. Wer trotzdem gedruckt werden wollte, sprach
bei Jochen, Reprodukt, Strapazin, Zwerchfell, Gringo, Panel oder
Plop vor und mußte feststellen, daß an im Zweifelsfall
auch dort nicht unbedingt auf sie gewartet hat weil der Underground
meist dem Selbstzweck dient, sich selbst zu veröffentlichen.
Deshalb kann man den jungen Menschen meist auch nur raten, ihre
Stories selbst zu veröffentlichen und sich in unserer Mitte
einzureihen. Man erklärte dann, daß auch Carlsen oft
nicht mehr als 600-1200 Exemplare von einem Album verkauft hat und
der Markt jenseits von Asterix und Superman eben auch nicht größer
sei. Viele schreckte das ab und andere traf man zwei Jahre wieder.
<p>Es ließ sich so eigentlich
prima Underground sein. Man machte die Halle voll und sorgte dafür,
daß bei der Max & Moritz-Gala-Preisverleihung nicht nur Funktionäre
und Langweiler vom Freibier profitierten. So ein bißchen bunter
Künstler-Pöbel zwischen all den Verlagsfritzen machte
sich ja auch immer ganz gut.<p>Der Comic-Salon 2000 markierte
das Zeitalter der New Economy und dementsprechend inflationär
wurde der Mainstream zu einer Monokultur aufgepumpt, die Comics
an sich noch eine Spur eindimensionaler machte. Dino war frisch
an der Börse und spuckte große Töne, die Händler
hatten die Preise für Sammel-Objekte in absurde Höhen
getrieben und die Großverlage stellten auf Mangas um. Man
überbot sich mit einer Produktflut, die von der Zielgruppe
schon lange nicht mehr bezahlt werden konnte und deklarierte jede
Veröffentlichung zum "must-have-item". Die Fehler, die den
amerikanischen Markt kurz vorher zum totalen Zusammenbruch geführt
hatten, wurden bis ins Detail wiederholt. Der herbei geredete Boom
traf nicht ein. Die Händler hatten ihr gesamtes Kapital in
Ladenhüter investiert, die nun höchstens noch unter dem
Einkaufspreis wieder los werden konnten. Damit verärgerte man
aber natürlich die Stammkundschaft, die den vollen Preis bezahlt
hatte und die Kids, die geglaubt hatten, sie könnten ihre Hefte
mit Variant-Covers irgendwann teurer verkaufen. Die ganze Welt aus
Preis-Katalogen und Argumenten wie "no true fan can be without it"
wurde durchsichtig und unglaubwürdig. Am Ende handelten höchstens
noch die Händler untereinander und auf dem Salon 2002 war das
Ergebnis nicht zu übersehen. Man fragt sich langsam, wer überhaupt
je einen dieser Superhelden-Titel von Splitter je gekauft hat, wenn
die fast die kompletten Auflagen von Cyberforce, Gen13 und anderen
Serien für ein paar Cents angeboten werden. Vor allem die Schuber
sowie die teuren Hardcovers mit Nachdrucken alter Hefte von Spider-Man,
X-Meni, Green Lantern & Co wurden einem hinterher geworfen. Besonders
böses Blut gab es als als Panini das Geschäft der Händler
mit der Preispolitik eines eigenen Verkaufsstandes mit Star-Zeichnern
und einem Gratis-Shirt pro gekauftem Heft noch zusätzlich untergrub.
Keine Frage, der Handel ist mehr als sauer auf den Klebebilder-Riesen,
der seit Neuestem die Superhelden betreuen darf. Vereinzelt ist
inzwischen sogar von einem Boykott der Panini-Titel die Rede. <p>Wieder machte das Wort von
der Krise die Runde. Auch die Independents wurden wieder unter diesem
Banner geladen. Bert veranstaltete seine traditionelle Indie-Talkshow,
aber niemand mochte eine Krise spüren. Das Ende von Jochen
Enterprises und Reprodukt's Todeskampf betrifft zwar eine ganze
Reihe von KünstlerInnen, aber die Probleme beider Verlage sind
nicht übertragbar auf den Rest der "Szene". Dieser geht es
derweil nicht so schlecht und insgesamt schienen alle sehr zufrieden.
Man hatte sogar zum größten Teil ganz ordentlich verkauft
und auch mehr Interesse beim Publikum erweckt als sonst. Die hoffnungsvollen
Menschen mt den Mappen kamen nicht mehr zu Zwerchfell, Weißblech,
Laska und wie sie alle heißen weil man sie bei Carlsen oder
Ehapa halt nicht wollte. Inzwischen kamen sie weil sie "Tentakel"
oder Ulf K. für verdammt cool hielten. Und auch die Qualität
der Mappen ist zum Teil sehr viel besser als man es gewohnt ist.
Sah man sonst eher eine Mischung aus schlechten Barbaren-Pin-Ups
und Glückwunschkarten-Cartoons, hat man dieses Jahr sehr viel
gutes, neues Zeug gesehen. Das Spektrum ist breiter geworden. Weißblech
Comics gehört inzwischen zu den alten Veteranen und credibilitymäßig
hat sich mit dem kleinen, mittelständischen Betrieb Extrem
Erfolgreich Enterprises ein kleiner Verlag in den Windschatten der
Großverlage gewagt. Immerhin erscheint Klaus Cornfield jetzt
bei Carlsen und man muß wohl nicht lange erklären, daß
es cooler ist für den Gruselheft-Verlag von Bela B. zu arbeiten
als darauf zu warten, daß in der Ehapa-Kantine ein Sack Reis
umfällt.
<p>Ehapa macht weiter Disney
und benutzt seine RedakteurInnen als Hostessen, die aufpassen müssen,
daß am Stand nicht so viel geklaut wird. Dem selbst mit getragenen
Manga-Hype wurde kaum begegnet und das Programm wirkt ansonsten
ebenso starr wie formelhaft und altbacken. Spätestens die überaus
peinliche Übersetzung des letzten "Asterix" zeugt davon, daß
hier ein paar ältere Herren einfach nicht los lassen können
und krampfhaft jugendlich wirken möchten. Kein Wunder, hat
man sich ja mit seinen Sub-Firmen in jüngster Zeit auch vor
allem auf billige TV-Tie-Ins wie "The Dome" und "Big Brother"oder
Windeier wie Fun-Online eingelassen. <p>Die Nominierungen für
die Max & Moritz-Preise trugen der Entwicklung langsam Rechnung
und so entsprach das Feld einem halbwegs fairen Ranking, wobei die
Independent-Verlage wie selbstverständlich unter Verlage an
sich verbucht werden konnten. Ein "Independent-Zeichner" wie Ulf
K. kann selbstverständlich direkt als bester Zeichner und für
das beste Album nominiert werden, wenn das Album auch im Selbstverlag
erschienen ist und traditionell eher für den ICOM Preis in
Frage käme. Man muß auch nicht erst den ICOM Preis gewinne
um ernst genommen zu werden oder so.... Dementsprechend müßte
Fil schon längst sowieso für eine Reihe von Preisen, independent
oder nicht, nominiert werden und verdientermaßen ging das
fette Brot in diesem Jahr an Peter Puck, der bereits 100.000 mal
nominiert war. Einzelne Zellen einer Terrorgruppe hatten extra faules
Obst und harte Gegenstände ins Theater geschmuggelt. Falls
man den guten Mann erneut abgewiesen hätte, wäre es wohl
zum Eklat gekommen. So war nur das ah wie lustige Vorprogramm mit
gut 90 Minuten entschieden zu lang und der harte Kern scharrte schon
sehr früh mit den Füßen am Freibier-Hahn. Vielleicht
sollte nächstes mal Eckhardt Breitschuh auf der Bühne
ein wenig aus seinem Leben erzählen. Das ist dann lustig genug
und wenn man genug hat, stößt man ihn beiseite und verleiht
schnell die Reihe. Dann können alle zeitiger woanders hingehen
und sind nicht total betrunken, wenn sie nachts im E-Werk noch zwischen
die Fronten eines Bandenkrieges zwischen Erlangen und Fürth
geraten.
<p>Fil hat übrigens irgendwo
gelesen, daß Erlangen die Hauptstadt der Körperverletzungen
durch Schlägereien ist. Wenn man aus der Drogen- und Mord-Hauptstadt
kommt, lässt einen das ziemlich kalt, aber die fränkische
Kleinstadt bot doch erstmals auch ein erhöhtes Aggressionspotential.
Naja, was war noch? Wittek ist aus dem "Schwarzen Ritter" rausgeflogen
und BO hat an selber Stelle um 4:40 Ortszeit eine ziemlich widerliche
und total verbrannte Mikrowellen-Mahlzeit zu sich genommen, die
von der hoffnungslos betrunkenen Wirtin mit den Worten, "hier, mit
Liebe gemacht", serviert wurde, Maikel ist der Grafitti-König
von Erlangen und nächstes mal verleiht Panel den "Schwarzen
Ritter", den verdammt coolsten Preis aller Comic-Salons der Welt,
der nur für besondere Verdienste verliehen wird. StErn
<p>
<p> Gegendarstellung: knirsch, habe ich wohl das "Plop" in den Kreis
der Selbstdarsteller eingereiht. Das ist natürlich falsch und
gehört richtig gestellt. "Plop" ist das älteste deutsche
Comic-Fanzine und immer noch ein wichtiger Motor dieser schwachbrüstigen
Szene.
<p> (Andreas Alt) schrieb am 21.09.02 23:53:44: Hallo, gerade habe
ich den Online-Bericht über Erlangen gelesen (bin natürlich
per Google über die Stichworte "Fanzine" und "Plop" draufgekommen)
und möchte StErn in einem kleinen Punkt korrigieren: Wer mit
seinem Material zu Plop kam - das waren allerdings an den vier Tagen
nur zwei oder drei Leute -, der wurde hier durchaus mit offenen
Armen empfangen. Im Gegensatz zu manchen anderen Fanzines dient
Plop nicht der Selbstbeweihräucherung des Herausgebers oder
gar des Finanziers. Das Konzept ist, neuen Talenten, die sonst keine
Veröffentlichungsmöglichkeit haben, ein Forum zu bieten.
Das geschieht in Plop übrigens seit 1982. Immerhin trudeln bei mir doch auch heute noch immer wieder solche Arbeiten per Post
bei mir ein, vermutlich aufgrund von Mundpropaganda.<br> Schönen
Gruß Andreas Alt Herausgeber PLOP