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Tuesday, 29. October 2002

:

Comic-Salon Erlangen 2002

Der 10. Comic-Salon in Erlangen markiert die Verschiebung der Koordinaten im hiesigen Unterholz der Bildgeschichten. Der Wildwuchs aus dem Fanzine-Ghetto hat sich inzwischen selbst etabliert und dominiert inzwischen mit eigenen Ständen das Bild der Veranstaltung. Lange Zeit galt der "Underground" als eine Art von Amateurliga, die ihr eigenes Spiel machte. Einzelne KünstlerInnen wie Fil, Reinhard Kleist, Kat Menschik oder Markus Huber konnten sich immer wieder in einer Art Zwischenwelt etablieren, die als Independent-Unterboden für das fungierte, was dann immer wieder als "Deutsche Szene" oder sowas bezeichnet wurde. Der Mainstream blieb dabei immer schwammig und genügsam. Den einen oder anderen Künstler konnte man immer noch mit Preisen behängen oder an die Presse verfüttern um dem offiziellen Rahmen zu genügen. Im Prinzip war das Interesse an Comics als eigenständige Kunstform mit einem Maximum an Ausdrucksmöglichkeiten aber immer sehr gering. Statt dessen war man immer eher an der Formelhaftigkeit jener Genres interessiert, die das Bild des Comics von jeher prägen.

Erlangen bot immer einen scharfen Kontrast zwischen Verlagen und Spielzeughändlern. Das Gros der meist männlichen Besucher war daran interessiert, die Sammlung voll zu kriegen, die eine oder andere Action Figur billiger zu bekommen und sich das aktuelle Sonder-Sammelcover vom aktuellen Star-Zeichner signieren zu lassen. Zwischen all diesen Ständen mit Sonderangeboten und Bergen von alten Sammlerstücken der Popkultur wirkten die Stände der Kleinverlage wie Angehörige einer Subkultur, die besser bei einer Vernissage mit Dosenbier und DJ aufgehoben wären. Die Kleinverlage wurden auch als solche betrachtet: kleine Wichte, die krakelige Quatsch an Leute verkauften, die mit "richtigen Comics" nichts anfangen konnten. "Richtige Comics" kamen von Großverlagen und handelten von bunten Plastik-Hooligans aus Japan und Amerika oder sie entsprangen dem französisch-belgischen Kunsthandwerk. Die großen Verlage vermittelten Authentizität im Rahmen einer Fan-Kultur, die seit Jahrzehnten ausschließlich an den selben Basisprodukten interessiert ist. Wenn Don Rosa Donald Duck oder der aktuelle Superhelden-Chronist den Leuten einen Batman in ihr Album zeichnet, dann umweht den Fan das Gefühl, ganz dicht am Mythos dran zu sein. So funktionierte es all die Jahre und jedes mal rief irgendwer (meistens der Kollege Dahlmann!;-P) die "Krise des Independent-Comics" aus. Man schimpfte auf die bösen Großverlage und die Tatsache, daß man nicht ernst genommen wurde, sich womöglich lächerlich machte und nachts soff man sich im "Schwarzen Ritter" den letzten Frust weg. Bestenfalls gab es in Erlangen's härtester und beliebtester Durchmach-Kneipe, auch noch eine Schlägerei.

Wer nicht für Carlsen arbeitete oder am Hofe des Königs von Ehapa residierte, mußte sich sowieso im Underground-Ghetto einfinden. Heerscharen von hoffnungsvollen Künstlern, die ihre Mappen bei Carlsen, Dino oder Ehapa präsentierten, mußten die bittere Erfahrung machen, daß deren Comics vom Lizenshandel bestimmt werden und allenfalls der Hamburger Branchenriese offen für Neues ist. Wer trotzdem gedruckt werden wollte, sprach bei Jochen, Reprodukt, Strapazin, Zwerchfell, Gringo, Panel oder Plop vor und mußte feststellen, daß an im Zweifelsfall auch dort nicht unbedingt auf sie gewartet hat weil der Underground meist dem Selbstzweck dient, sich selbst zu veröffentlichen. Deshalb kann man den jungen Menschen meist auch nur raten, ihre Stories selbst zu veröffentlichen und sich in unserer Mitte einzureihen. Man erklärte dann, daß auch Carlsen oft nicht mehr als 600-1200 Exemplare von einem Album verkauft hat und der Markt jenseits von Asterix und Superman eben auch nicht größer sei. Viele schreckte das ab und andere traf man zwei Jahre wieder.

        <p>Es lie&szlig; sich so eigentlich 
          prima Underground sein. Man machte die Halle voll und sorgte daf&uuml;r, 
          da&szlig; bei der Max & Moritz-Gala-Preisverleihung nicht nur Funktion&auml;re 
          und Langweiler vom Freibier profitierten. So ein bi&szlig;chen bunter 
          K&uuml;nstler-P&ouml;bel zwischen all den Verlagsfritzen machte 
          sich ja auch immer ganz gut.<p>Der Comic-Salon 2000 markierte 
          das Zeitalter der New Economy und dementsprechend inflation&auml;r 
          wurde der Mainstream zu einer Monokultur aufgepumpt, die Comics 
          an sich noch eine Spur eindimensionaler machte. Dino war frisch 
          an der B&ouml;rse und spuckte gro&szlig;e T&ouml;ne, die H&auml;ndler 
          hatten die Preise f&uuml;r Sammel-Objekte in absurde H&ouml;hen 
          getrieben und die Gro&szlig;verlage stellten auf Mangas um. Man 
          &uuml;berbot sich mit einer Produktflut, die von der Zielgruppe 
          schon lange nicht mehr bezahlt werden konnte und deklarierte jede 
          Ver&ouml;ffentlichung zum "must-have-item". Die Fehler, die den 
          amerikanischen Markt kurz vorher zum totalen Zusammenbruch gef&uuml;hrt 
          hatten, wurden bis ins Detail wiederholt. Der herbei geredete Boom 
          traf nicht ein. Die H&auml;ndler hatten ihr gesamtes Kapital in 
          Ladenh&uuml;ter investiert, die nun h&ouml;chstens noch unter dem 
          Einkaufspreis wieder los werden konnten. Damit ver&auml;rgerte man 
          aber nat&uuml;rlich die Stammkundschaft, die den vollen Preis bezahlt 
          hatte und die Kids, die geglaubt hatten, sie k&ouml;nnten ihre Hefte 
          mit Variant-Covers irgendwann teurer verkaufen. Die ganze Welt aus 
          Preis-Katalogen und Argumenten wie "no true fan can be without it" 
          wurde durchsichtig und unglaubw&uuml;rdig. Am Ende handelten h&ouml;chstens 
          noch die H&auml;ndler untereinander und auf dem Salon 2002 war das 
          Ergebnis nicht zu &uuml;bersehen. Man fragt sich langsam, wer &uuml;berhaupt 
          je einen dieser Superhelden-Titel von Splitter je gekauft hat, wenn 
          die fast die kompletten Auflagen von Cyberforce, Gen13 und anderen 
          Serien f&uuml;r ein paar Cents angeboten werden. Vor allem die Schuber 
          sowie die teuren Hardcovers mit Nachdrucken alter Hefte von Spider-Man, 
          X-Meni, Green Lantern & Co wurden einem hinterher geworfen. Besonders 
          b&ouml;ses Blut gab es als als Panini das Gesch&auml;ft der H&auml;ndler 
          mit der Preispolitik eines eigenen Verkaufsstandes mit Star-Zeichnern 
          und einem Gratis-Shirt pro gekauftem Heft noch zus&auml;tzlich untergrub. 
          Keine Frage, der Handel ist mehr als sauer auf den Klebebilder-Riesen, 
          der seit Neuestem die Superhelden betreuen darf. Vereinzelt ist 
          inzwischen sogar von einem Boykott der Panini-Titel die Rede. <p>Wieder machte das Wort von 
          der Krise die Runde. Auch die Independents wurden wieder unter diesem 
          Banner geladen. Bert veranstaltete seine traditionelle Indie-Talkshow, 
          aber niemand mochte eine Krise sp&uuml;ren. Das Ende von Jochen 
          Enterprises und Reprodukt's Todeskampf betrifft zwar eine ganze 
          Reihe von K&uuml;nstlerInnen, aber die Probleme beider Verlage sind 
          nicht &uuml;bertragbar auf den Rest der "Szene". Dieser geht es 
          derweil nicht so schlecht und insgesamt schienen alle sehr zufrieden. 
          Man hatte sogar zum gr&ouml;&szlig;ten Teil ganz ordentlich verkauft 
          und auch mehr Interesse beim Publikum erweckt als sonst. Die hoffnungsvollen 
          Menschen mt den Mappen kamen nicht mehr zu Zwerchfell, Wei&szlig;blech, 
          Laska und wie sie alle hei&szlig;en weil man sie bei Carlsen oder 
          Ehapa halt nicht wollte. Inzwischen kamen sie weil sie "Tentakel" 
          oder Ulf K. f&uuml;r verdammt cool hielten. Und auch die Qualit&auml;t 
          der Mappen ist zum Teil sehr viel besser als man es gewohnt ist. 
          Sah man sonst eher eine Mischung aus schlechten Barbaren-Pin-Ups 
          und Gl&uuml;ckwunschkarten-Cartoons, hat man dieses Jahr sehr viel 
          gutes, neues Zeug gesehen. Das Spektrum ist breiter geworden. Wei&szlig;blech 
          Comics geh&ouml;rt inzwischen zu den alten Veteranen und credibilitym&auml;&szlig;ig 
          hat sich mit dem kleinen, mittelst&auml;ndischen Betrieb Extrem 
          Erfolgreich Enterprises ein kleiner Verlag in den Windschatten der 
          Gro&szlig;verlage gewagt. Immerhin erscheint Klaus Cornfield jetzt 
          bei Carlsen und man mu&szlig; wohl nicht lange erkl&auml;ren, da&szlig; 
          es cooler ist f&uuml;r den Gruselheft-Verlag von Bela B. zu arbeiten 
          als darauf zu warten, da&szlig; in der Ehapa-Kantine ein Sack Reis 
          umf&auml;llt. 
        <p>Ehapa macht weiter Disney 
          und benutzt seine RedakteurInnen als Hostessen, die aufpassen m&uuml;ssen, 
          da&szlig; am Stand nicht so viel geklaut wird. Dem selbst mit getragenen 
          Manga-Hype wurde kaum begegnet und das Programm wirkt ansonsten 
          ebenso starr wie formelhaft und altbacken. Sp&auml;testens die &uuml;beraus 
          peinliche &Uuml;bersetzung des letzten "Asterix" zeugt davon, da&szlig; 
          hier ein paar &auml;ltere Herren einfach nicht los lassen k&ouml;nnen 
          und krampfhaft jugendlich wirken m&ouml;chten. Kein Wunder, hat 
          man sich ja mit seinen Sub-Firmen in j&uuml;ngster Zeit auch vor 
          allem auf billige TV-Tie-Ins wie "The Dome" und "Big Brother"oder 
          Windeier wie Fun-Online eingelassen. <p>Die Nominierungen f&uuml;r 
          die Max & Moritz-Preise trugen der Entwicklung langsam Rechnung 
          und so entsprach das Feld einem halbwegs fairen Ranking, wobei die 
          Independent-Verlage wie selbstverst&auml;ndlich unter Verlage an 
          sich verbucht werden konnten. Ein "Independent-Zeichner" wie Ulf 
          K. kann selbstverst&auml;ndlich direkt als bester Zeichner und f&uuml;r 
          das beste Album nominiert werden, wenn das Album auch im Selbstverlag 
          erschienen ist und traditionell eher f&uuml;r den ICOM Preis in 
          Frage k&auml;me. Man mu&szlig; auch nicht erst den ICOM Preis gewinne 
          um ernst genommen zu werden oder so.... Dementsprechend m&uuml;&szlig;te 
          Fil schon l&auml;ngst sowieso f&uuml;r eine Reihe von Preisen, independent 
          oder nicht, nominiert werden und verdienterma&szlig;en ging das 
          fette Brot in diesem Jahr an Peter Puck, der bereits 100.000 mal 
          nominiert war. Einzelne Zellen einer Terrorgruppe hatten extra faules 
          Obst und harte Gegenst&auml;nde ins Theater geschmuggelt. Falls 
          man den guten Mann erneut abgewiesen h&auml;tte, w&auml;re es wohl 
          zum Eklat gekommen. So war nur das ah wie lustige Vorprogramm mit 
          gut 90 Minuten entschieden zu lang und der harte Kern scharrte schon 
          sehr fr&uuml;h mit den F&uuml;&szlig;en am Freibier-Hahn. Vielleicht 
          sollte n&auml;chstes mal Eckhardt Breitschuh auf der B&uuml;hne 
          ein wenig aus seinem Leben erz&auml;hlen. Das ist dann lustig genug 
          und wenn man genug hat, st&ouml;&szlig;t man ihn beiseite und verleiht 
          schnell die Reihe. Dann k&ouml;nnen alle zeitiger woanders hingehen 
          und sind nicht total betrunken, wenn sie nachts im E-Werk noch zwischen 
          die Fronten eines Bandenkrieges zwischen Erlangen und F&uuml;rth 
          geraten.
        <p>Fil hat &uuml;brigens irgendwo 
          gelesen, da&szlig; Erlangen die Hauptstadt der K&ouml;rperverletzungen 
          durch Schl&auml;gereien ist. Wenn man aus der Drogen- und Mord-Hauptstadt 
          kommt, l&auml;sst einen das ziemlich kalt, aber die fr&auml;nkische 
          Kleinstadt bot doch erstmals auch ein erh&ouml;htes Aggressionspotential. 
          Naja, was war noch? Wittek ist aus dem "Schwarzen Ritter" rausgeflogen 
          und BO hat an selber Stelle um 4:40 Ortszeit eine ziemlich widerliche 
          und total verbrannte Mikrowellen-Mahlzeit zu sich genommen, die 
          von der hoffnungslos betrunkenen Wirtin mit den Worten, "hier, mit 
          Liebe gemacht", serviert wurde, Maikel ist der Grafitti-K&ouml;nig 
          von Erlangen und n&auml;chstes mal verleiht Panel den "Schwarzen 
          Ritter", den verdammt coolsten Preis aller Comic-Salons der Welt, 
          der nur f&uuml;r besondere Verdienste verliehen wird. StErn 
        <p> 
        <p> Gegendarstellung: knirsch, habe ich wohl das "Plop" in den Kreis 
          der Selbstdarsteller eingereiht. Das ist nat&uuml;rlich falsch und 
          geh&ouml;rt richtig gestellt. "Plop" ist das &auml;lteste deutsche 
          Comic-Fanzine und immer noch ein wichtiger Motor dieser schwachbr&uuml;stigen 
          Szene. 
        <p> (Andreas Alt) schrieb am 21.09.02 23:53:44: Hallo, gerade habe 
          ich den Online-Bericht &uuml;ber Erlangen gelesen (bin nat&uuml;rlich 
          per Google &uuml;ber die Stichworte "Fanzine" und "Plop" draufgekommen) 
          und m&ouml;chte StErn in einem kleinen Punkt korrigieren: Wer mit 
          seinem Material zu Plop kam - das waren allerdings an den vier Tagen 
          nur zwei oder drei Leute -, der wurde hier durchaus mit offenen 
          Armen empfangen. Im Gegensatz zu manchen anderen Fanzines dient 
          Plop nicht der Selbstbeweihr&auml;ucherung des Herausgebers oder 
          gar des Finanziers. Das Konzept ist, neuen Talenten, die sonst keine 
          Ver&ouml;ffentlichungsm&ouml;glichkeit haben, ein Forum zu bieten. 
          Das geschieht in Plop &uuml;brigens seit 1982. Immerhin trudeln bei mir doch auch heute noch immer wieder solche Arbeiten per Post 
          bei mir ein, vermutlich aufgrund von Mundpropaganda.<br> Sch&ouml;nen 
          Gru&szlig; Andreas Alt Herausgeber PLOP


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English Info

Übersetzung:
David Wojnarowicz
Closes to the Knives

(Mox und Maritz Verlag)

"Von Stefan Ernsting hervorragend übersetzt." (Bayrischer Rundfunk))

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