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Wednesday, 13. August 2008

BOOKS:

DAS LEIDEN DER ANDEREN - ERSTE BÜCHER ÜBER DAS "HORRORHAUS" DER "HORRORBESTIE"

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Fritzl, Fritzl, Fratze. Ein gewisser Nigel Cawthorne hat die Story zuerst auf Papier gebracht und dem Kollegen dürften bei dieser Geschwindigkeit sicher noch Gelenke und Nackenpartie schmerzen. Am Montag ist das Buch erschienen und die Opferfamilie erwägt bereits rechtliche Schritte. Im November folgt dann das Buch von Alan Hall, der bereits reichlich Geld mit dem Fall Kampusch gemacht hat. Doch das ist nur der Anfang. Der Amerikaner John Glatt, der Österreich nur aus dem Fernsehen kennt, bedient den amerikanischen Markt (Ey, Hollywood!) und im Frühjahr 2009 ist dann Bojan Pancevski von der "Times" dran, der den Druck haben dürfte, bis dahin sensationell neue Fakten zu präsentieren. Das Buch zum Prozess sozusagen.

Keiner der Kollegen scheint interessiert daran zu sein, die Geschichte auch aus Sicht der Opfer zu beleuchten. Interviews oder Recherchen scheinen generell überflüssig und wartet nichtmal auf den Anfang des Prozesses eines der spektakulärsten Kriminalfälle seit Jack the Ripper. Man googlet sich stattdessen was zusammen, denkt sich reißerische Sub-Headlines zur Strukturierung aus, reimt sich noch was über Österreich an sich und den ollen Adolf Hitler dazu, fertig. Schnell den Verleger angerufen und darauf spekulieren, dass man "die Filmrechte" an einer Story verkaufen kann, an der niemand die Rechte haben kann.

Josef "Dungeon Dad" Fritzl ist eine Person des öffentlichen Lebens. Jeder kann Fritzl-Bücher schreiben oder Fritzl-Filme machen, aber es ist offensichtlich, dass es nicht lange dauern wird bis "Tom Hanks Interesse bekundet hat" oder Angelina Jolie irgendwo sagt, dass sie die ganze Geschichte total interessant findet und man ja auch mal an die Kinder denken sollte. Und dann wird der Titel eines dieser Machwerke vermutlich adoptiert werden. Der Autor bekommt dann seine 50.000 Dollar, wird aber mit dem Drehbuch nichts zu tun haben. Eigentlich kauft man sich nur einen Titel. Ein positives Beispiel wäre "Gangs of New York", ein Film, der besser ist als sein Ruf, aber vor allem auf einem hervorragend recherchierten Sachbuch basiert. Der Autor eines solchen Buches wird auf feine Gesellschaften eingeladen und bekommt Wein eingeschenkt und alle haben in der Zeitung gelesen, was für ein hervorragendes Buch er doch geschrieben hat. Der Autor eines Fritzl-Buches, das mal eben in acht Wochen rausgehauen wurde, sollte dagegen besser John Sinclair-Hefte schreiben und von der Filmindustrie nicht zuviel Respekt erwarten. Besser mal die faszinierende "Criminal History of Mankind" von Colin Wilson lesen.

Ist klar, man braucht Geld, aber wie kann man im Moment eigentlich groß mehr über die "Psyche der Bestie" wissen als "Spiegel", "Bild" & Co schon ausgegraben haben?

Österreich steht jedenfalls vor einer großen Aufgabe. Man muss dafür sorgen, dass sich Fritzl nicht das Leben nimmt oder man versäumt die Gelegenheit des größten Schauprozesses aller Zeiten. Ich recherchiere aus persönlichem Interesse am Rande selbst im Falle Kampusch und die zahllosen Fragezeichen werfen ein gnadenlos interessantes Licht auf Österreich. Das Land will sich von all dieser verschleppten Verschnarchtheit der behördlichen Bürokratie, der "nicht bewältigten NS-Vergangenheit" und dem engstirnigen Kleinbürgertum des Durchschnittsösterreichers freisprechen und im Falle Fritzl beweisen, dass man sozusagen reif für das 21. Jahrhundert ist. Die Weltöffentlichkeit wird mehr Kameras auf Fritzl richten als einem so kleinen Land lieb sein kann und die Journalisten werden alle ihr eigenes Fritzl-Buch im eigenen Land rausbringen wollen. Und jeder will ein Exklusiv-Interview mit "der Bestie", Fritzl, dem neuen Gesicht des Bösen, jener kranken Kreatur, die jetzt in einer Reihe mit Hitler, Manson oder Jack the Ripper steht. Alle wollen sie das Unerklärliche erklären und mit der Story ganz groß rauskommen.

Es gab 2004 einen sehr guten Film über Armin Meiwes, den Kannibalen von Rothenburg: The Man who ate his Lover. Der englische Journalist hat dafür die Menschen im Dorf interviewt um sich ein Bild von Meiwes zu machen. Es ging um die Menschen und nicht um Zombies, Voodoo und Kannibalen im Internet. Eine solche Behandlung würde man sich auch im Falle Fritzl wünschen, aber das Merkwürdige am Fall Armin Meiwes war, dass das Opfer tatsächlich selbst aufgegessen werden wollte. Eine nicht nur juristische Zwickmühle. Vor Gericht arbeitete Meiwes artig mit den Behörden und wollte nur, dass man Menschen wie ihn verstehen lernt. Der freundliche Kannibale war am Ende nicht wirklich böse. Er hatte nur einen unerklärlichen Trieb.

Fritzl wird man dagegen nicht freundlich finden wollen. Und man wird jeden noch so unwichtigen Fritzlfitzel Information einsaugen müssen. Die "Bild" & Co werden schon Wege finden, damit umzugehen. Horrorbestie Fritzl isst Butterbrot mit Käse als wäre nichts gewesen. Mickey Maus zieht sich die Hose aus. Exklusive Fotos auf Seite 2.


ID - Stefan Ernsting - I have two books out, I work on cool movies and I've been blogging for 7151 days.

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English Info

Übersetzung:
David Wojnarowicz
Closes to the Knives

(Mox und Maritz Verlag)

"Von Stefan Ernsting hervorragend übersetzt." (Bayrischer Rundfunk))

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