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Thursday, 17. August 2006

Comics:

INFINITE CRISIS - ZURÜCK ZUR GUTEN ALTEN ZEIT

Es gab eine Zeit nach dem 2. Weltkrieg als Superhelden-Comics unschuldig bunt und voll von verrückten Ideen waren. Die Schurken hatten beknackte Namen und bescheuerte Modus Operandi, Superman hatte einen Superhund namens Krypto, Captain America kämpfte gegen Nazi-Zombies, der Blitzjunge heiratete Saturn Girl (die beiden liebten sich schon lang!), Batman litt unter den Nachwehen seiner immens erfolgreichen TV-Serie aus den 60ern und glich eher einem Zirkusclown als dem düsteren Psychopathen, den wir kennen. Es gab keine Crossover, keine speziellen Cover für Sammler und Superhelden waren überhaupt eine komplett alberne Angelegenheit. Man kaufte diese Hefte an der Tankstelle oder im Supermarkt, wenn die Kinder wieder brüllten. Dann kamen die Hippies und Robert Crumb und etwas später die Punker und plötzlich sah Superman ungefähr so alt aus wie Yes im Vergleich zu den Sex Pistols. Dann kam ein Boom von speziellen Comic-Shops, der eine Explosion der Independent-Landschaft nach sich zog.
Superhelden wurden über den Zeitschriftenhandel vertrieben, Independent-Titel in „Underground“-Läden, die sich hauptsächlich auf Kiffer-Zubehör spezialisiert hatten. Als irgendwann jede Stadt in den USA (und fast jede in Europa) einen Comicladen hatte, entdeckten die Amerikaner, dass es auch Comics ohne Superhelden oder Enten gab. Der Markt veränderte sich, aber die großen Verlage Marvel und DC begriffen schon früh, dass sie die Lage zu ihren Gunsten nutzen konnten, wenn sie selbst Indie-Titel anboten. Es kam zu diversen Ausflügen in die verschiedensten Bereiche, aber am Ende produzierte man doch wieder nur starke Männer in Strumphosen. Man identifizierte die „Flaggschiff“-Titel, die auch weiter über den alten Vertrieb liefen und belieferte die Comicläden exklusiv mit Titeln, die es nicht an der Tankstelle gab, wo in der Regel auch keine allzu große Nachfrage bestand. An jeder Tanke in Amerika kann man Spider-Man, X-Men, Superman und Batman kaufen. Dem Tankwart sind die Crossovers und die zahllosen anderen Serien aber völlig schnuppe. Er verkauft, was sich eben am Besten verkauft.
In den Comicläden entstand für Marvel und DC ein Markt, der lukrativ genug war um Serien zu halten, von denen man nur ein paar tausend Exemplare verkaufte. Die entsprechenden Fans hielten ihren Lieblings-Serien die Treue und schon allein deshalb gibt es immer mal wieder eine neue Aquaman-Mini-Serie. Und als man Aquaman zum militanten Atlantis-Öko mit Bart und Piratenhaken an der Hand machte, stiegen sogar ein paar neue Leser ein. Aber Ende war es aber wieder die selbe Gruppe von Hardcore-Fans, die der Serie noch folgten. Dann brachte Marvel 1984 „Secret Wars“ auf den Markt und die gute, alte Zeit war endgültig vorbei.
Ein Jahr zuvor hatte Marvel bereits mit dem immens populären Dreiteiler „Contest of Champions“ sowohl die Mini-Serie etabliert als auch erstmals einen Haufen der populärsten Superhelden gegeneinander antreten lassen. Mit dem Zwölfteiler „Secret Wars“ erweiterte man das Spektrum um sogenannte „Tie-Ins“, also Hefte, die man zusätzlich kaufen musste um die komplette Story zu haben. Ein Jahr später kam das Sequel „Secret Wars II“ und die Sache uferte sofort aus.

Bei DC erkannte man das Potential der Multi-Crossover-Geschichte um vor allem in den Comicläden möglichst viele Fans zu mehr Konsum zu bewegen. Man musste im Gegensatz zu Marvel, die erst in den 60ern auf den Markt kamen, aber viel mehr tun um nicht gegen die Konkurrenz immer mehr an Boden zu verlieren. Zwischen 1975 und 1978 hatte DC 57 neue Titel auf den Markt gebracht und auf den Hype-Effekt des ersten Superman-Films gewartet, der sich allerdings kaum bemerkbar machen sollte. Ende 1978 wurden 65 Titel eingestellt und man beschränkte sich nur noch auf die Zugpferde. Batman wurde von Denny O’Neill, Jim Aparo und Neal Adams erfolgreich wieder zu einer düsteren Figur gemacht, aber Superman war ein echtes Problem. Wonder Woman war ein noch größeres Problem, von Green Lantern und Konsorten ganz zu schweigen. Problematisch war vor allem die Vielzahl von Parallel-Universen, die man erfunden hatte.
Da gab es eine Erde, wo Superman ein alter Mann ist, eine, wo die Nazis den Krieg gewonnen hatten, eine, wo Batman und Superman Bösewichter sind etc. Die Justice League hieß auf Erde 2 Justice Society und niemand konntes sich merken, ob Superboy nun die jugendliche Version von Superman aus dessen Vergangenheit war oder Mitglied der Legion der Superhelden, die in der Zukunft für Ruhe und Ordnung sorgte. Es stieg einfach niemand mehr durch und viele Figuren waren generell nicht mehr zeitgemäß. So entschied man sich für ein großes Blutvergießen um endlich Ordnung zu schaffen und die erfolgreichsten Figuren neu aufzubauen. Das Ergebnis war der Zwölfteiler „Crisis on infinite Earths“ und zu den prominentesten Todesopfern gehörten Supergirl und Flash alias Roter Blitz. Alle Superhelden, die es je bei DC gegeben hatte, durften in der gigantischen Weltraumschlacht noch mal kurz auftreten bevor sie beim Verschmelzen der zahllosen Universen für immer verschwanden. Man erhielt sich eine Reihe von Figuren aus den Alternativ-Universen, aber am Ende gab es nur noch eine Erde und ein DC-Universum. Alles war gut. John Byrne revitalisierte Superman, Frank Miller entwickelte den „Dark Knight“, Wonder Woman wurde zu einer mystischen Amazone, „Watchmen“ kam auf den Markt etc.

In den nächsten Jahren machte man in den geheimen Laboren der Marktforschung eine seltsame Entdeckung: Superhelden-Comics, die vorher von 8jährigen gekauft wurden, verkauften sich jetzt vor allem an Erwachsene. Superhelden wurden immer mehr zu einer Form von Nostalgie während die Jugend zunächst gar keine Comics mehr kaufte und sich dann umso mehr auf die Mangas stürzten, die der Lebenswelt von Teenies eher entsprachen als „Mega-Events“ wie „Superman küsst Wonder Woman“ oder „Batman bekommt den Hintern versohlt“. Machte man also mehr auf die Erwachsenen-Schiene. Immerhin haben 30jährige meistens auch mehr Kohle. Produzierte man also wieder viel zu viele Serien plus jede Menge Nippes, überreizte den Comicmarkt einmal mehr, ging wieder baden, stand wieder auf etc. Die Entwicklung von erwachseneren Themen und Superhelden mit „Mature Readers“-Label führte direkt zur aktuellen Identitätskrise der Superhelden.
Marvel verjüngte sich mit der „Ultimate“-Linie, behielt die Erwachsenen aber mit den „Max“-Titeln im Auge. DC hatte sich mit „Vertigo ohne Flaggschiff Sandmann“ ein blaues Auge geholt und konzentrierte sich aber wieder mal aufs Kerngeschäft. Dann kam der 11. September und Superhelden mussten ganz neu hinterfragt werden. Ein großer Graben tat sich auf.
Innerhalb der Redaktionen entdeckte man, dass man mit den Superhelden durchaus politische Inhalte transportierte. Mal funktionierte dies in Form der Klischees in „Captain America“ und mal bewusst wie in „Howard the Duck“ oder im Falle des Jokers als iranischer Botschafter („A death in the family“).Nach dem 11. September funktionierte dies aber auch gern mal mit wüsten Rachephantasien und einer Wende zur offiziellen Linie in Washington. So war der Mainstream zu dieser Zeit und das amerikanische Bewußtsein anno 2002 lässt sich aus den entsprechenden Heften weiterhin gut rausfiltern. Interessant war dabei die Abwendung von den traditionellen Gegenspielern in den bunten Kostümen zu bösen Terroristen oder Osama Bin Laden himself. Nun waren sowohl Marvel als auch DC schon immer sehr liberal und Sympathien für die Partei von George W. Bush hegten die wenigsten Mitarbeiter der großen Verlage. Bei den Fans von Superman & Co sah das allerdings ganz anders aus.
Von Verlagsseite wollte man sich nicht politisch vereinnahmen lassen und von Autorenseite wollte man dies sowieso nicht. Man konnte den Realitätsruck, den man nach dem 11. September eingeführt hatte, aber nicht gleich wieder rückgängig machen und sah sich in der Situation, die aktuellen Kriege der Bush-Regierung flankierend begleiten zu müssen.

Eines Tages muss dann jemand bei DC auf den Tisch gehauen und gesagt haben: „Wisst Ihr was, ich wünsche mir das alte DC-Universum von vor der Krise zurück. Mit einem moralisch einwandfreien Superman und einer Erde 2 mit einem gealterten Superman und Krypto dem Superhund und den alten Superboy ohne die Sonnenbrille und das ganze HipHop-Drumrum und das alte Supergirl mit ihrer Superkatze....“ Zwanzig Jahre nach „Crisis on infinite Earths“ musste man das Universum der Superhelden erneut auf den Prüfstand stellen. Alles war so schrecklich düster oder überzogen ironisch geworden. Green Lantern hatte sich zwischenzeitig als Ober-Superschurke entpuppt, war aber auf Bewährung wieder draußen. Batman war eine wandelnde Sammlung sämtlicher Psychosen, die man so haben konnte, Wonder Woman wollte keiner mehr so richtig haben, die Gerechtigkeitsliga hatte sich mal wieder aufgelöst und der Florida-Superboy mit Sonnenbrille ging langsam allen auf die Nerven.
Die unendliche Krise, „Infinite Crisis“, zog herauf und brachte den gealterten Superman von Erde 2 zurück, der mit Erde 1 alles andere als zufrieden ist. „Freudlos“ und „verdorben“ lautet sein Urteil. „Die falsche Erde wurde gerettet.“ Der eigene Kurs wird mächtig hinterfragt und das DC-Universum einmal mehr auseinander genommen und neu zusammen gefügt. Superman, DIE amerikanische Ikone schlechthin, hat stellvertretend für alle Amerikaner schwer die Krise. Es ist im Moment auch wirklich nicht leicht, Amerikaner zu sein. Man wünscht sich die gute alte Zeit zurück als Amerika noch für Apple Pie und Superwohltäter stand und nicht für Abu Ghraib, Guantanamo Bay und präventive Angriffskriege. DC hat die amerikanische Sinnkrise gut erkannt und arbeitet sich artig daran ab. Wo die Medien versagt haben, muss die Unterhaltung ran.
Der gute Captain America von der Konkurrenz grübelt in Marvels „Civil War“ über seine Landsleute nach und kommt zu dem Schluss, dass ein Land, was seine politische Bildung aus Comedy-Sendungen beziehen muss, einen Helden wie ihn dringender braucht als je zuvor. Hey, treffend beobachtet, Cap! Und viel Glück da draußen!
In diesem Zusammenhang auch interessant: „Civil War“


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Übersetzung:
David Wojnarowicz
Closes to the Knives

(Mox und Maritz Verlag)

"Von Stefan Ernsting hervorragend übersetzt." (Bayrischer Rundfunk))

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