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Wednesday, 7. June 2006

TV:

MINDFUCK MARKETING

Wer nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel gestrandet ist, mag man von der ausgesprochen ungewöhnlichen TV-Serie "Lost" noch nie gehört haben, aber die Einschaltquoten sprechen auf der ganzen Welt eine deutliche Sprache ( ...und unsere Leserschaft ist mit diesem Unsinn wahrlich schon lange genug belastet worden.) Kaum messbar ist dabei, wie viele Menschen die Serie nach der Ausstrahlung in den USA aus dem Netz ziehen oder sich zusätzlich an der munteren Schnitzeljagd (auch "Lost Experience" genannt) im Internet beteiligen. Die Dunkelziffer ist hoch.
An "Lost" ist einfach alles rätselhaft. Klar ist eigentlich nur, dass die Beteiligung von Coca Cola und DaimlerChrysler an dieser Serie ungeklärt ist. Beide Firmen tauchen in der "Lost Experience" auf, einer Serie von Websites, Podcasts, Interviews und anderen Puzzlestücken, die keinem linearen Muster folgt. Der Fan sucht sich seinen eigenen Weg und das Netz von Verbindungen im Hintergrund hat längst ein eigenes Leben angenommen, das in den nächsten Jahren von unzähligen Doktorarbeiten sicher ausgiebig beackert werden wird.
Bleiben wir aber bei DaimlerChrysler und Coca Cola in Form der Marke Sprite. Beide tauchen im Zusammenhang mit der fiktiven Hanso Foundation auf, die hinter den mysteriösen Vorgängen auf der TV-Insel zu stecken scheint. Irgendwie scheinen auch die US-Navy und die CIA ihre Finger im Spiel zu haben und es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass der Held dieser Serie ein irakischer Offizier ist, der sich unter Saddam die Hände schmutzig machen musste. Damit sind wir innerhalb der Serie auf der üblichen Fährte in Sachen militärisch-industrieller Komplex und niemand wird den hundeäugigen Iraker plötzlich als Schurken akzeptieren. Hanso, die CIA, das sind die Bösen, aber eine Firma wie DaimlerChrysler zahlt offensichtlich Geld um mit dieser fiktiven Verbindung in Verbindung gebracht zu werden. Darüber muss man jenseits des Puzzles mal nachdenken.
Man betreibt also Marketing in dieser total coolen Zielgruppe, die im Zweifelsfall sogar kapiert hat, dass die Figuren in "Lost" nach Philosophen benannt wurden. Hippe Typen nach Feierabend und die ganzen Nerds im Internetz doch sowieso. Denen will man Autos und Sprudel verkaufen und Coca Cola gehört zu den wenigen Marken, die in "Lost" bisher überhaupt vertreten waren. Das Erschaffen einer eigenen Welt mit mysteriösen Scheinfirmen, Hanso-Chappi und fiktiven Imbissketten oder Bands gehört zum Erfolgsgeheimnis der Serie. Eine Cola-Dose ist da als Symbol der richtigen Welt durchaus erlaubt. Schleichwerbung bzw. Product Placement ist ein alter Hut, aber die Verbindung zu den Gesandten des Bösen ist irgendwie neu. Der ganze Zusammenhang ist neu.
Aber womöglich ist die Hanso Foundation im Rahmen von "Lost" eigentlich nur ein Teil des Masterplans gegen den Treibhauseffekt oder irgend so eine Nummer. Die 3. Staffel wird im Herbst mit einigen Antworten aufzuwarten haben, aber das Spiel im Internet ist unabhängig von den Figuren der TV-Serie und schwappt direkt in die Realität. "Bad Twin", der Roman eines Passagiers von Flug 815, der den Absturz nicht überlebt hat, erobert die Bestseller-Listen. Der fiktive Autor hat sich mit der fiktiven Hanso Foundation lange beschäftigt und das Nebenprodukt der TV-Serie sortiert die fiktive Stiftung ebenfalls bei den Bösen ein.
Versucht man den Plot zu drehen und die Hanso Foundation zu den "good guys" zu machen, wird das Zielpublikum enttäuscht abspringen. Man sollte damit rechnen, aber als Werbung wäre dies zu plump und würde nicht zu der Form von Eleganz in Sachen Story passen, die "Lost" so erfolgreich macht. Man kann argumentieren, dass die Firma DC Comics vermutlich auch nicht dafür bezahlt hat, dass man ein spanisches Comicheft mit den Superhelden Flash und Green Lantern in den Trümmern des Flugzeugs gefunden hat. Möglich wäre es, aber das Comicheft ist dafür schon im Pilot-Film zu clever eingebunden und das Spiel mit Marken-Symbolen in der zweiten Staffel lässt eher vermuten, dass man da einen völlig neuen Deal in Sachen Product Placement abgeschlossen hat, der nicht wirklich zu durchschauen ist. Oder es gibt gar keinen Deal...
Die Marken kommen trotzdem ins Gespräch und ich bin jetzt ein Teil davon, aber eigentlich natürlich nur weil die Marketing-Connection bisher noch niemand aufgefallen zu sein scheint. Zumindest findet daran niemand etwas Merkwürdiges und damit haben die Marken gewonnen. Den neuen Werbespruch von Sprite musste man sich umständlich selbst erpuzzlen und hatte keine Ahnung, worauf man da gerade reingefallen war. Aber man wundert sich im Rahmen der "Lost Experience" über ganz andere Sachen und liest den "Wizard of Oz" oder "Alice im Wunderland" wieder von vorne. So sind eben Fans und gezieltes Marketing bei den wahren TV-Junkies dürfte schon irgendwie fruchten.
Die Berliner "Lost"-Diskussionsgruppe trifft sich ab sofort Donnerstags ab 20 Uhr in diesem Buchladen (Amtssprache Englisch) , in dem 48 Menschen irgendwie gestrandet sind und niemand kann den Schlüssel finden. Und nur wenige Gestrandete wissen von der Existenz des Bunkers....
Getaggt: , , , , , , ,


ID - Stefan Ernsting - I have two books out, I work on cool movies and I've been blogging for 5630 days.

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English Info

Übersetzung:
David Wojnarowicz
Closes to the Knives

(Mox und Maritz Verlag)

"Von Stefan Ernsting hervorragend übersetzt." (Bayrischer Rundfunk))

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