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Friday, 28. April 2006

PEOPLE:

BUFFALO BILL UND DER WESTERN ALS WELTANSCHAUUNG

(Reblog von 2003)

"It's not the way it was, it's the way it ought to be."
-John Ford über einen seiner Western-Filme
"Western sind Filme über Konflikte an der Grenze Amerikas. Die Staatsgrenze ist nicht gemeint. Vielmehr the frontier, die Grenze als der Raum, in dem Amerika sich schafft und wiedererschafft. Diese Grenze ist nicht nur ein geographischer Raum, und sie gehört keiner bestimmten Zeit an. Wie sie auf der Landkarte der USA von den Küstenstaaten des Ostens zum Pazifik wandert, bewegt sie sich als politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungszustand und als Modell durch die Geschichte der USA, von den Zeiten des frühen Ideologen John de Crevecoeur, der 1782 die Indianer als eine Rasse beschreibt, "die dazu verdammt ist, vor dem höheren Genius der Europäer zurückzuweichen und zu verschwinden", bis zu den Tagen des John F. Kennedy, der seine Politik unter das Schlagwort der "New Frontier stellt."
-Joe Hembus (in "Western Lexikon", München, 1976, S.8)
Der Western erzählt wie man es gern gehabt hätte und rechtfertigt die allgegenwärtige Gewalt in den USA am Ende des 19.Jahrhunderts. Die saubere Gewalt im Kampf um die frontier diente schließlich noblen Ziele und dem Fortschritt.
Der Gunman aus dem wilden Westen ist ein mystischer Held innerhalb der realen Geschichte.
Er hat seine eigene Geschichtsschreibung, die von Ghost Writern für zahllose Schundromane aufbereitet wurde und oft, vor allem in den Vereinigten Staaten mit der Realität verwechselt wird.


Western bilden die Grundlage des amerikanischen Verständnisses für die eigene Geschichte und den Umgang mit "the rest of the world".
Die Einsamkeit der eigenen Existenz in irgendeinem Provinznest bekommt dabei noch etwas mytholgisches und der Glaube an einen Kampf um die frontier ist ungebrochen.
Das Leid anderer Menschen hatte sich dem unterzuordnen, was gern als der Amerikanische Traum bezeichnet wurde und die frontier erwies sich im Laufe der Jahre als ausgesprochen mobil.
Der Kampf um den Kontinent
Von 1754 bis 1763 tobte ein Krieg zwischen Franzosen und Engländern um die Herrschaft über Nordamerika. Die Mohikaner und andere Stämme der Irokesen-Konföderation kämpften an der Seite von Frankreich. Unter ihnen auch Häuptling Pontiac (oder Ponteach), der immer wieder mit einem gewissen Robert Rogers aneinander geriet.
Nach dem Krieg suchte sich Rogers 1766 einen Ghostwriter um seine Idee von einem Bühnenstück namens "Ponteach: or The Savages Of America" zu realisieren, ein Drama, was sehr viel später auch mit Spencer Tracy unter dem Titel "Northwest Passage" verfilmt wurde
Mit großem Geschick baute sich Rogers selbst zum Helden auf. Er beschwor die Wahrheit seiner Schilderungen und strich die Stärken seines Erzfeindes Pontiac heraus um seine eigenen Taten zu überhöhen. Mit jenem Mr. Rogers begann ein spezifisch amerikanisches Geschichtverständnis, bei dem Jägerlatein und Revolvergeschichten mehr Gewicht hatten als historische Fakten.
Nach dem Unabhängigkeitskrieg wurde George Washington am 30.April 1789 als erster Präsident der Vereinigten Staaten eingesetzt. 1800 bezog sein Nachfolger John Adamin das frisch fertig gestellte Weiße Haus. Er erstand für 15 Millionen Dollar von Napoleon das Gebiet zwischen Mississippi und Rocky Mountains und nach kleineren Scharmützeln mit den Engländern entstand 1823 die Monroe-Doktrin, der Grundstein für die Hegemonie der USA. Die Eroberung des Kontinents war beendet und der Patriotismus der "selbst erkämpften" Nation kannte nun keine Grenzen mehr.
1823 begann James Fenimore Cooper den "Den letzten Mohikaner", zunächst nur als Fortsetzungs-Serie für eine Tageszeitung. Er schilderte den Kampf der ersten Pioniere, die Gefahren der Wildnis und die Grausamkeiten der "Indianer" als endlose Folge von gefährlichen Abenteuern, die seine Leser meinten nachempfinden zu können. Die Alten hatten diese Zeit noch erlebt und bestätigten stets, ja, so sei es gewesen. Man verklärte die eigene Geschichte und wartete gespannt auf jede Fortsetzung.
Der rauhbeinige Trapper Lederstrumpf wurde schnell zu einem der bekanntesten Westernhelden aller Zeiten. Auch in Buchform war der Roman bald ein internationaler Erfolg.Der Titel von Coopers Bestseller war dabei Programm. Die Ureinwohner hatte man im Laufe einer Generation in seine Schranken verwiesen oder massakriert. Fortan hatte der weiße Mann in Amerika das Kommando.
Die ersten Westernhelden
1845 legte der New Yorker Kaufmann Asa Whitney dem Kongreß einen Plan für die Pacific Railway vor. Whitney, der im Orient ein Vermögen gemacht hatte, träumte von einer zweiten Seidenstraße. Man wollte nicht in den Westen, sondern durch den Westen. Die Pioniere, die sich mit ihren Planwagen nach Westen aufmachten, betrachtete man nur als Vorabkommando für einen Expansionismus nach Asien.
Es kam der Begriff der "pacific frontier" auf und als langfristiges Ziel steckt man sich die Eroberung Asiens, "dessen morschen Leib neu zu beleben die geschichtliche Pflicht der USA ist." (Senator Thoman Hart Benton, ca.1820, zitiert nach Joe Hembus "Western Lexikon", München, 1976, S.13)

1858 kam ein gewisser Erastus Beadle aus Buffalo nach New York. Er revolutionierte mit neuen Massenprodukten das amerikanische Pressewesen. Ab 1860 erschienen seine wöchentlichen Dime Novels mit Auflagen von 60000 bis zu einer halben Million, Schundromane mit festen Serienfiguren
Beadle hatte die Fortsetzungsserie als eigenes Medium erkannt und die Abenteuergeschichten fanden vor dem immer gleichen Hintergrund statt: dem wilden, wilden Westen.
Ein früher Erfolg war Deadwood Dick von Edward l.Wheeler, der schnell als reale Person akzeptiert wurde. In Deadwood, Süd Dakota, der Heimat des fiktiven Helden, machte sogar jemand mit Deadwood Dick-Kostüm gute Geschäfte mit Autogrammen und Souvenirs.
Ein früher Vorläufer war Kid Carson, der ab 1835 seine Abenteuer bei der Eroberung von New Mexico und Kalifornien erlebte.
Carson hat im Gegensatz zu Deadwood Dick tatsächlich existiert und er ritt noch 1863 gegen die Navayos, die er nach dem Sieg der Bleichgesichter auf den "long walk" in eine von hungernden Apachen überfüllte Reservation verbannte.
Kid Carson wurde der Held verschiedener Romane, die ihn stets als romantischen Herzensbrecher und eine Art Heiligen mit übermenschlichen Fähigkeiten schildert.
Ghostwriter dichteten Bettgeschichten und Taten für die Massenmedien. Merchandisinghändler und Medien-Mogule machten ihren Profit. Junge Mädchen schwärmten für rauhbeinige Idole: Amerika war bereit für den Erastus Beadles erfolgreichste Erfindung.
Der Erfinder des Showbiz
1869 wurde der Schundschreiber Edward Z.C. Judson alias Ned Buntline von der "New York Weekly" engagiert um einen neuen Helden zu finden, der die Auflage steigern könnte.
Buntline spielte selbst gern den Helden, brauchte aber ein Opfer. Er versuchte es mit Mayor Frank North, dem Helden der Schlacht von Summit Springs, ein Superstar-Kanidat, der wie geschaffen schien um eine neue Legende zu stricken.
Aber North zeigte dem wieseligen Autoren die kalte Schulter.
Unter einer Kutsche findet Buntline den 23jährigen William Frederick Cody, einen verwahrlosten Scout und Büffeljäger.
Über Codys Vorleben ist nichts bekannt. Er war perfekt für den ganz großen Western-Mythos: Buffalo Bill.
Buntline wurde der erste Ghost Writer für einen Mann, der schnell vollkommen mit seiner Rolle verschmolz. Am 23.12.1869 erschien die erste Folge von "Buffalo Bill, the King of the Border Men - The Greatest Romance of the Age" in der "New York Weekly". 1872 wurde die Story auf die Bühnen gebracht und weitere Stücke wie "Scouts of the Plain" oder "Life on the Border" folgten.
1872 stand Cody mit seinem Kumpel Jack Omohundro in Chicago erstmals selbst auf der Bühne. Das Stück, "Scouts of the Plains", war mit einem Minimum an Dialog und reichlich Geballer auf die beiden perfekt zugeschnitten. 1875 trennte sich Buffalo Bill von Ned Buntline und wechselte zu Beadles Verlagshaus. Er wurde der neue Star der Dime Novels und tourte 1876 mit "The Red Right Hand or Buffalo Bill's first scalp for Custer", einer Nacherzählung der Schlacht am Little Big Horn.
Wenn Cody seinen großen Auftritt hatte und zum sterbenden Custer eilte, leuchtete eine Tafel auf: "Too late!"
Cody wurde zu Amerikas erstem Superstar. Das neue Showgeschäft funktionierte über die Massenmedien landesweit und Cody erkannte schnell das Potential seiner eigenen Legendenbildung. Auf Rodeos, die seit 1850 eine eigene Zirkustradition entwickelt hatten, suchte er sich die geschicktesten Artisten und heuerte eine Truppe von Kosaken an, die als die besten Kunstreiter der Welt galten.

1883 feierte Omaha die Premiere von "Buffalo Bills Wild West and Congress of Rough Riders of the World". Die Show wurde zu einem riesigen Erfolg.
Cody tourte mit seinem Zirkus rund um die Welt. Zwanzig Jahre lang prägte er in vielen Ländern der Erde das Bild vom wilden Westen als billige Zirus-Revue mit tollkühnen Reitern und grausamen Eingeborenen.
Die Geburt des Western als Weltanschauung:
1894 entwickelte W.K.L.Dickson, ein Angestellter von Thomas Edison, das Kinetescope.In diesem primitiv wirkenden Guckkasten liefen auf 15 Meter langen Endlosstreifen die ersten richtigen 'Filme'.
Ende des Jahres brachte es der Edison-Katalog bereits auf 53 Titel. Die meisten dieser Streifen zeigten die Jahrmarkts-Eskapaden von Buffalo Bill.
Kino und Western wurden erfunden während die letzten Pioniere jenseits des Mississippi noch um ihre Ranch kämpften. Viele Pioniere waren durch dubiose Verträge vetrieben und wirtschaftlich um den Ertrag ihrer Ernte gebracht. Die Populisten-Bewegung zog gegen das Kapital aus dem Osten, eine Episode des wilden Westens, die gern unterschlagen wird, aber das Genre verdankt den Populisten das dringend notwendige Rachemotiv.
Die Einsicht in das Scheitern des Amerikanischen Traums und die Unmöglichkeit einer Rache wurde vom Western übertüncht. Die Schönheit des Landes und die Einsamkeit der Männer wurde romantisiert um den spirituellen Hunger der Einsiedler in der Wildnis zu füttern.
Amerika mußte sich seine eigenen Volkshelden schaffen. Es existierten einfach keine und es galt die europäische Vergangenheit zu überwinden.
"Ours is a moving frontier." (James Hall, Tales of the Border, 1835)
Der Western kennt keine Vergangenheit. Die Westernstadt ist ein spezielles Setting um universelle Geschichten über Mut, Gerechtigkeit und Rache zu erzählen, die auf der ganzen Welt auch für Kinder einfach zu verstehen sein sollten.
Die Helden wurden für die Zeit und den Ort gefeiert, nicht für etwas, was sie vollbracht hatten. Um ein wahrer Westerner zu werden, mußte man den Grünschnabel des Ostens überwinden und sich dem Kampf um die frontier stellen. Die bloße Anwesenheit an der frontier machte jeden Pionier zu einem Helden. Der Begriff der frontier war dabei die Beschreibung eines Bewußtseinszustand als es mit der Eroberung Asiens nichts mehr wurde.
Der Westen wurde zu einem mystischen Schlachtfeld, wo sich die Männer als solche zu beweisen hatten. Das Ringen um das Land schien die aggressiveren Patrioten zu besseren Landbesitzern zu machen. Das Land schien irgendwie mehr ihres als das, was einem Pazifisten gehörte. Je stärker der Patriotismus pochte desto schwieriger wurde es natürlich sich zu beweisen.
Dies bedeutete vor allem, daß man keine Scheu vor dem Töten haben durfte.
Für viele Amerikaner gibt es immer noch eine frontier und so lässt sich auch die Waffen-Obsession der USA erklären, die von Michael Moore in "Bowling for Columbine" sehr treffend charakterisiert wurde. Die Bewunderung für die Gewalt ihrer Ahnen verleitet die meisten Amerikaner zu dem Irrglauben, daß eine Waffe der Unabhängigkeit und nicht der Verteidigung diente.
Man meint, eine Tradition am Leben halten zu müssen und verweist stets darauf, daß es ohne die Pioniere und ihre Waffen keine USA geben würde, was man als Nachfahre der Ureinwohner heute vielleicht nicht mal schlimm finden mag.
Aber der wilde Westen ist nicht Amerika und die Ethik der Revolvermänner ist heute nicht mehr aufrecht zu halten.
Amerika glaubt trotzdem weiter an aggressive Helden, die sich mit dem Colt Gehör verschaffen und lieber schießen als verhandeln. Man glaubt in vielen Landstrichen auch immer noch, daß man von "denen da oben in Washington" betrogen wird. Paramilitärische Einheiten, die waffenschwenkend von anarchischen Zuständen in den USA faseln, gibt es dort in jedem Dorf.
Und viel hat sich für die meisten Amerikaner auch nicht verändert. Die Mehrzahl lebt immer noch fernab von jeder Zivilisation. Bildung bezieht man aus Fernsehserien wie "Bonanza", "Rauchende Colts" oder Actionfilmen, die nichts anderes als Western in einer globalen Prärie sind. Die frontier ist beweglich.
Links:
Virgin Land: The American West As Symbol and Myth, by Henry Nash Smith
Buffalo Bill Historical Research Center
Dime Novel (full text): Adventures of Buffalo Bill from Boyhood to Manhood
A good guide to Buffalo Bill on the web by one of his relatives!


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Übersetzung:
David Wojnarowicz
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(Mox und Maritz Verlag)

"Von Stefan Ernsting hervorragend übersetzt." (Bayrischer Rundfunk))

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