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Mittwoch, 30. Oktober 2002

comics2: THE NEW MARVEL
Marvel Comics hat seine Revitalisierungsphase gerade abgeschlossen
und unabhängig von einer Diskussion über neue Heldenbilder
einen gänzlich neuen Kurs eingeschlagen. Nachdem der Verlag
sich selbst und viele kleine Comic-Händler von der Straße
mit überteuerten, eingeschweissten Spekulationsobjekten in
den Ruin getrieben hatte, sah es aus als würde Marvel seine
Lizens-Figuren an Hollywood veräußern und höchstens
noch als lustige Parallele zum Einbruch dubioser Firmen am neuen
Markt als Anekdote taugen. Großkotzig wurde inflationär
viele Serien zu saftigen Preisen in einen Story-Zusammenhang geschweißt.
Nur wer sich alle Hefte leisten konnte, verstand noch worum es bei
den X-Men überhaupt ging. Nach den Gelegenheitskäufern
hatten selbst die härtesten Fans das Sammel-Hobby aufgegeben
und die Händler hockten plötzlich auf Tonnen von wertlosen
Heften, die niemals jemand wirklich lesen wollte.

Mit einer Reihe von neuen Marvel-Verfilmungen (Hulk von Ang Lee,
Daredevil, Elektra etc. Check out comics2film.com!) sowie Sequels
zu Blade, X-Men und Spider-Man musste im neuen Jahrtausend etwas
passieren um zumindest über die Filme wieder neue Fans für
die Comic-Vorlagen zu gewinnen. Marvel ließ mit Joe Quesada
erstmals einen Mann vom Fach auf den Chefsessel und dieser krempelte
den Laden in kürzester Zeit völlig um. Quesada sicherte
zunächst das >=Kerngeschäft„ und reduzierte das Programm
auf die wesentlichen Titel. Neben den X-Men und Spider-Man blieb
nur Daredevil über und alles andere wurde zwecks Relaunch auf
Eis gelegt. X-Men und Spider-Man wurden parallel zu ihren Kinofilmen
neu renoviert und Quesada konnte mit LSD-Papst Grant Morrison (The
Invisibles, Doom Patrol) einen der besten Comic-Autoren unserer
Zeit für >=New X-Men„ gewinnen. Die Helden bekamen schwarze
Lederkluft und Morrison schuf eine gänzlich neue, coolere Schule
für Mutanten, die trotz Jugend-Freigabe nicht auf den subversiven
Humor des Schotten verzichten muß. Mit Garth Ennis (Preacher,
Hitman) für den >=Punisher„ und Brian Michael Bendis (Powers,
Torso) für >=Elektra„ wurden weitere Top-Autoren verpflichtet
und der Rest des Stalles behutsam umgestaltet. Thor ist nun ein
moderner Esoteriker und der Black Panther endlich ein cooler Revoluzzer.

Dazu startete man mit der Ultimate Line ein Parallel-Universum
mit den gleichen Ikonen in jüngeren Inkarnationen. Brian Michael
Bendis gelangen dabei einige der besten Marvel-Hefte seit Jahren
und trotz des gewaltigen Erfolges wurde das Konzept nicht sofort
wieder mit Dutzenden von Varianten tot geritten. Redaktionelle Qualität
soll die neue Maxime sein und mit der eindrucksvollen >=Origin„-Reihe
erzählte Marvel statt dessen die Kindheit seines beliebtesten
Helden Wolverine in ungewöhnlich sensibler Form.

Erstaunlicherweise erscheinen einige der besten neuen Comics aus
Amerika bei Marvel und sie handeln bedingt von Helden in Strumpfhosen.
Seit Ende 2001 erscheinen unter dem Label Max Comics erstmals Titel
für Erwachsene, die im Marvel Universum angesiedelt sind. Brian
Azzarello und Richard Corben haben Luke Cage, Hero for Hire, zu
einem modernen Badass Pimp mit Street Credibility gemacht und Garth
Ennis bescherte mit >=Fury„ seine Version von Superagent Nick Fury
als desillusionierter, kalter Krieger. Mit >=Blade„ von Christopher
Hinz und Steve Pugh hat man zusätzlich einen Filmhelden im
Portfolio und Steve Gerber schreibt für Max wieder >=Howard
the Duck„, ist dabei aber weit entfernt von der Original-Serie aus
den 70ern. Prägend für die neue Attitüde dieser Titel
ist aber vor allem >=Alias„, ein weiterer Titel aus der vielbeschäftigten
Feder von Brian Michael Bendis, der das Bild vom Superhelden verändert
hat wie seit Alan Moore und Frank Miller niemand sonst. >=Alias„
ist ein durch und durch popmoderner Titel, der ein fiktionales Universum
als Realität hinstellt und auf dieser Basis hartgesottene Kriminal-Geschichten
zu berichten weiß. Die Heldin Jessica Drew war in den 80ern
mal eine drittklassige Superheldin und schlägt sich mangels
Erfolg als Privatdetektivin durch. Wie in seiner extrem empfehlenswerten
Indie-Serie >=Power„ kombiniert Bendis die jeweilige Genre-Logik
von Privatschnüfflern und Superhelden zu einem ureigenen, pseudo-realistischen
Stil, der mit >=Alias„ allerdings mehr hard-boiled als satirisch
daherkommt. Der Genre-Mix ist als Kniff mit "Akte X„ bereits erfolgreich
im Mainstream getestet, aber Bendis ist dazu ein glänzender
Schreiber von Dialogen. Zusammen mit Brian Azzarello und Regisseur
Kevin Smith (Clerks, Dogma) als Autor von >=Green Arrow„ und >=Daredevil„
etablierte Mr.Bendis einen neuen Standard, der ironisch mit seinen
Referenzen spielt und Marvel wieder zu einem dynamischen Faktor
im zeitgenössischen Popgeschäft gemacht hat.

Die neue Linie wird dabei von Autoren getragen, die nicht in das
Bild passen, was die Specials zum 11.9. zeichnen mögen. Gewissermassen
sind sie Deserteure, Ronins, solche, die mit den Tools zu 100% vertraut
sind und sie gelegentlich für ihre Zwecke missbrauchen. Das
moderne Amerika ist nicht so vernagelt und reaktionär wie es
der Präsident es gern hätte und die urbanen Hipsters in
den Staaten sind aufgeklärter und direkter im Umgang mit ihrer
kommerziellen Gegenwartskultur als man denken mag. Marvel war immer
ein gutes Beispiel einer Kultur, die sich an eine Gemeinde von Fünfjährigen
zu richten schien und alles in ein Schema von lieb und böse
pressen mußte. Auch als die Konkurrenz DC mit Vertigo längst
erfolgreich ein Erwachsenen-Programm unterhielt, hielt Marvel ängstlich
an einer Spielzeug-Welt mit sauberen Lizensprodukten fest und verpasste
dabei den Zeitgeist, der spätestens mit Rage against the Machine
und dem >=Battle of Seattle„ auch in Amerika wieder ein Gesicht
bekam. Die neue Intelligenz verlangte nach Unterhaltung, die ihren
kulturellen Gepflogenheiten und Erfahrungen entsprach. Mit dem Ultra-Realismus
seiner gebrochenen Helden kommt Max Comics diesem Bedürfnis
derzeit am besten nach. Weil, all die autobiographischen Jammerlappen
wollte irgendwann ja auch niemand mehr lesen und Comics sind immer
noch gemacht für die wirklich bizarren Ideen. Und was könnte
bizarrer sein als wilder Sex zwischen Ex-Superheldin Jessica Drew
und Mietheld Luke Cage alias Powerman!


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ID - Stefan Ernsting - I have two books out, I work on cool movies and I've been blogging for 2266 days.

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